Hot on Cool – Network

Network, 1976, Sidney Lumet

Amerikanische, frei empfangbare, private TV-Networks, sind wie der Name sagt, in großen Netzwerken organisiert; die mittlerweile vier großen Networks, ABC, NBC, CBS und FOX, geben ihr Programm ganz oder teilweise an jeweils über 200 lokale Fernsehstationen weiter und erreichen somit das ganze Land. Dazu kommen einige spanischsprachige Networks, die sehr wichtigen Religions-Networks, das eher kleine Public Broadcasting, welches gerade sehr unter Druck steht, usw. Dadurch, dass die großen Sender von Anfang an kommerziell organisiert waren, zeigt sich der Druck, die Einschaltquoten nicht nur zu halten, sondern beständig zu steigern, als der entscheidende Faktor, die Existenz dieser Sender zu garantieren. Die Sponsor-Kompatibilität ist sozusagen der unabdingbare und programmatische Leit- und Lebensfaktor dieser Art von gebührenfreiem Fernsehen. Die finanzierenden Sponsoren, die geschaltete Werbung, die praktisch alle Programme gnadenlos zerhackt, werfen die Frage auf, ob nicht das sogenannte Programm rund um die Werbeblocks gebaut wird und nicht wie man gemeinhin annimmt, die Werbung an die Programminhalte angepasst wird?

Sidney Lumet vorzustellen, wäre wie Eulen nach Athen zu tragen, dieser amerikanische Meisterregisseur, der seine Karriere als Theaterschauspieler und Fernsehregisseur begonnen hat, hat in seiner 60-jährigen Karriere durch rund 70 Fernseh- und Kinofilme Filmgeschichte geschrieben. Er erhielt 2005 den Ehren-Oscar und war vorher diverse Male für diesen Preis nominiert. Seinen Durchbruch als Filmregisseur feierte er 1957 mit The 12 Angry Men mit Henry Fonda in der Hauptrolle, einem Filmremake, das er schon 1954 für das Fernsehen umgesetzt hatte. Lumet ist wohl ein Filmemacher, der an das Filmemachen als Kunst glaubte, eine großartige Gabe besaß, mit Schauspielerinnen umzugehen, wahrscheinlich auch, weil er selbst diese Ausbildung machte und dies stets mit einem ethisch relevanten Ansatz verband. Manche bezeichneten das als “neo-realistische” Tradition und er zeigte dies oft im Setting seiner Heimat New York, was ihn mit Martin Scorsese verbindet. Er probte kurz und intensiv und drehte in der Regel in 1-2 Takes pro Szene. Einige wenige Werke möchte ich trotzdem erwähnen: The Pawnbroker (1964) mit Rod Steiger, der hier einen jüdischen Pfandleiher spielt und das als seine wichtigste Rolle bezeichnet hat, Serpico (1973) mit Al Pacino und Prince of the City (1981) über Korruption in den Reihen der New Yorker Polizei, undschließlich Dog Day Afternoon (1975), ebenfalls mit Al Pacino in der Hauptrolle, der auch in diese Filmreihe sehr gut gepasst hätte, da er die Rolle der Massenmedien und des Fernsehens während eines Banküberfalls und einer Entführung in New York vorführt. In Summe, alles Filme über rebellierende Anti-Helden, die bereit sind alles zu riskieren, was uns zum Film Network bringt:

Auch Howard Beale, der Moderator von UBS News, ist so ein Charakter, der von der karrieretechnisch hochgekommenen Fernsehpersönlichkeit durch Veränderung der Publikumsgunst zum Rebellen mutiert. Genauer, ist es doch das eingangs angesprochene und gnadenlose Marktgesetz der Quote, was diesen Star ins Wanken bringt. Das nahende Ende seiner Tätigkeit durch sinkende Einschaltzahlen bringt ihn zum Plan eines vor den Kameras angekündigten Selbstmordes, was er jedoch zugunsten einer vehementen Veränderung zu einer Art Fernsehprediger, einer psychotischen Figur, nicht durchführt. Gerade der Bezug zu den religiösen Fernsehsendungen, wo charismatische Prediger für unterschiedlichste Gruppen exorbitante Spendensummen lukrieren und vor allem auch im politischen Kontext enorme Bedeutung haben, macht diesen Film nicht nur im Blick auf die heutigen USA besonders aktuell. Doch predigerhaftes, quasi religiöses Auftreten spielte in der amerikanischen Politgeschichte immer wieder eine bedeutende Rolle und das ging durchaus quer durch das politische Spektrum. Die Kommunikation insbesondere auf der emotionalen Ebene ist ja gerade im Bereich der “sozialen” Medien heute sehr aktuell. Howard Beales “I’m as mad as hell, and I’m not going to take this anymore!” macht ihn zur Robin Hood-Celebrity des TV-Volks, der sich im Bewusstsein der Fernsehmacht kein Blatt vor den Mund nimmt, was wieder zu einer massiven Erhöhung der Einschaltquoten führt und von einer fanatischen Produzentin sofort als Erfolgsmodell erkannt wird.

Doch Beale überspannt den Bogen und kommt in Konflikt mit höheren wirtschaftlichen Grundgesetzen der Medienindustrie, wie auch Produzentin Diana Christensen längst andere Pläne mit ihm hegt. Das unglaubliche Ende dieser bitterbösen Mediensatire, welche auch einen Medienkonzern als Karriere-System zu Macht und Geld besonders gut darstellt, möchte ich nicht vorwegnehmen, doch freuen Sie sich auf außergewöhnliche DarstellerInnen dieses bitteren Befundes, die ersten drei Genannten wurden dafür auch mit einem Oscar belohnt: Peter Finch, Faye Dunaway und Beatrice Straight, in weiteren wichtigen Rollen sehen Sie William Holden und Robert Duvall. (Günther Selichar)

Die von Günther Selichar kuratierte Reihe Hot on Cool war von 6. bis 27. November 2025 im Filmmuseum zu sehen.