Ein paar Erinnerungen an Harry Tomicek

Patrick Holzapfel

Ein Jahr nach seinem Ableben erinnert das Österreichische Filmmuseum mit einem In-Memorian-Screening von Carl Theodor Dreyers Ordet an Harry Tomicek. Tomicek schrieb jahrzehntelang Texte für das Filmmuseum und anderswo. Der Film könnte besser nicht gewählt sein, denn es ist tatsächlich das Wort, das die Toten erweckt. Ich habe mich vor fünf Jahren anlässlich einer Publikation der Schriften Tomiceks beim Klever Verlag im Filmdienst mit Tomiceks Schreiben auseinandergesetzt. Keiner hat je so über das Kino geschrieben. Im Text drücke ich meine absolute Bewunderung aus, ringe aber auch mit der Sprachverliebtheit des Autors. In Österreich habe ich öfter die Erfahrung gemacht, dass ein offener Umgang mit den Zweifeln, die man an eine Arbeit heranträgt, nicht wertgeschätzt wird, obwohl sich in meiner Wahrnehmung genau darin die Ernsthaftigkeit und Zuneigung ausdrückt, die eine Auseinandersetzung erfordert. Jedenfalls war dieses mein Hadern mit Tomiceks “poetisch wuchernden Idiosynkrasien, (die) sich hie und da sogar über die Filme (stellen), die in einem Wulst an Worten ertränkt werden” nie ein Grund für mich, seine Texte nicht mit großer Sinnesfreude und Gewinn zu lesen. Wir haben uns nicht persönlich gekannt, nur ab und an stumm gegrüßt (wenn er das wollte), was ich sehr bedaure, denn sein filmbezogenes Schreiben hat mich sehr viel gelehrt.

Ordet (Das Wort), 1955, Carl Theodor Dreyer
Ordet (Das Wort), 1955, Carl Theodor Dreyer

Hier soll es aber weniger um sein unbedingt zu bewahrendes, unbedingt zu lehrendes Schreiben als um einige andere Eindrücke gehen, Bilder, die mir geblieben sind. Meine letzte Begegnung mit Tomicek etwa, das war in einem Copy-Shop im 18. Bezirk in Wien. Ich musste einen größeren Text ausdrucken und er diskutierte gerade mit dem Besitzer des Ladens über die Vergrößerung von Abbildungen, die er aus einem Buch haben wollte. Er saß dann unbewegt in einer Ecke über diesen Bildern gebeugt, die er untersuchte wie unter einem Mikroskop. Seine Konzentration war so spürbar, dass ich nur mehr flüsterte über meinen Ausdruck. Tomicek war einer der letzten, der sich mit Bildern befasste, der dabei eine Aura hatte. Wenn man ihn im Kino sah, wusste man, dass es um etwas ging. Wenn er im Kino war, fragte ich mich immer auch, was er wohl vom Film halten würde. Was hat er von den Entwicklungen des Kinos und “seines” Filmmuseums gehalten? Am stärksten war das, als wir nebeneinander im Gartenbaukino saßen, um uns Michael Manns Ferrari auf der Viennale anzusehen. Aus dem Augenwinkel versuchte ich in seinem Gesicht zu erkennen, was er vom Film hielt, aber nichts rührte sich. Er saß ganz still mit schwarzer Lederjacke (glaube ich) und nachdenklichem Ausdruck. Ich erinnere eine Podiumsdiskussion im Filmmuseum zu Stan Brakhage. Als dort mehrfach der Begriff der Aktualität von Brakhages Werk fiel, hielt Tomicek es nicht mehr aus. Er stand auf und fragte die Diskutierenden, was das denn sein sollte in Bezug zu einem Film, “Aktualität”?

Harry Tomicek, 2010 bei der Ausstellung Shadowplay
Harry Tomicek 2010 bei der Ausstellung Shadowplay
(Foto: Österreichisches Filmmuseum © Eszter Kondor)

Seine Fragen in Publikumsgesprächen zogen sich oftmals über mehrere Minuten. Es waren keine wirklichen Fragen, es war eine ostentative Suche nach Worten für das, was er gesehen hatte. Er beherrschte die Kunst des auswuchernden Sprechens, diese manische Form des Nach-dem-Film-Seins, von der manche berichten, sie wäre in den cinephilen Glanztagen in Paris oder Bogotá Merkmal jener gewesen, deren Stimmen bis heute nachhallen. Irgendwann während meiner ersten Monate in Wien hatte ich mal gehört, dass dieser Tomicek mit Rivette und Godard in der Cinémathèque française gesessen wäre. Für mich war das damals, als wäre er ein Heiliger, als hätte er Dinge gesehen, die ich nie würde sehen können (die Tendenz zur Heiligenverehrung junger männliche Cinephiler ist ein eigenes Kapitel). Ich erinnere, wie James Benning eine solche ausufernde Wortmeldung Tomiceks mit einem einfachen “No” konterte. Das Kino lachte, mir aber wurde damals bewusst, dass mir die Seite desjenigen, der mit der eigenen Wahrnehmung ringt, näher ist, als jene, die sich scheinbar abgeklärt damit begnügt, dass die Dinge so sind wie sie sind. Zumal das Schweigen auch für Tomicek eine große Rolle spielte, sein famoser Text zu Hitchcocks Vertigo, in dem er sein fassungsloses Schweigen sichtbar macht, berichtet davon.

Da wir anscheinend einen ähnlichen Weg ins Zentrum der Stadt zurücklegen mussten, sah ich ihn jedes Jahr auf den Wegen in die Kinos der Viennale. Mal stand er in einer U‑Bahn, mal schlenderte er durch die Gassen. Das war immer so für mich, als würde das Kino bereits beginnen, als würde der Weg ins Kino bereits das mitprägen, was ich sehen würde. So war es dann auch. Ich gehe nicht mehr so oft ins Kino, wenn ich aber gehe, versuche ich immer noch so zu gehen, als wäre Tomicek da.

Der Text von Patrick Holzapfel ist ursprünglich bei Jugend ohne Film erschienen.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors