
Der amerikanische Schriftsteller Robert Sheckley lieferte nicht nur die Vorlage für die beiden Filme des heutigen Abends, die visionäre Vorwegnahme des späteren Reality-TVs in The Price of Peril von 1958, sondern mit seiner sehr ähnlichen älteren Geschichte The Seventh Victim von 1953, die Vorlage für Elio Petris Film La Decima Vittima von 1965, mit Ursula Andress, Marcello Mastroianni, Elsa Martinelli und Salvo Randone, einem Meisterwerk der filmischen Pop Art. Wir wollten eigentlich diesen Film ebenfalls zeigen, doch leider waren die italienischen Rechteinhaber nicht von ihren unerhörten Forderungen für die Vorführung abzubringen, der Film lief aber hier im Haus bereits 2011/12 im Rahmen einer Science Fiction-Reihe und einer Monographie zu Elio Petri. Robert Sheckley war offensichtlich von Petris Film so angetan, dass er seine ursprüngliche “The Seventh Victim”-Geschichte nach Erscheinen des Films in einer neuen Version 1966 als “The 10th Victim” publizierte, so wie eben auch der Film betitelt ist.
Und noch etwas muss man in dem Zusammenhang erwähnen: Der Hollywood-Blockbuster The Running Man von 1987 mit Arnold Schwarzenegger, Regie: Paul Michael Glaser, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Stephen King von 1982, hat viele auffallende Ähnlichkeiten mit diesen Geschichten. Diese Kurzgeschichten und die daraus realisierten Filme gelten nicht zuletzt auch als Vorläufer für die Stories von „The Hunger Games/Tribute von Panem“ von 2008-10 von Suzanne Collins, die später in extrem erfolgreiche Filme mit Jennifer Lawrence und Donald Sutherland 2012-14 umgesetzt wurden.
Yves Boisset, im März dieses Jahres verstorbener französischer Regisseur des heutigen Films, war zuerst Filmkritiker mit Vorliebe zum Film noir, dann Filmregisseur und ab den 90er Jahren arbeitete er vorwiegend für das Fernsehen. Bekannt durch Filme wie den Politthriller Das Attentat von 1972 mit Michel Piccoli, Jean-Louis Trintignant, Jean Seberg, Gian Maria Volonté, Bruno Cremer und Philippe Noiret oder Monsieur Dupont, ein Krimi um einen fälschlicherweise algerischen Migranten unterstellten Mord in Südfrankreich, der bei den Berliner Filmfestspielen mit dem silbernen Bären ausgezeichnet wurde, versteht es sehr gut, Geschichten mit viel Spannung umzusetzen. So inszeniert er schließlich auch den Preis der Angst als Werk mit viel Action und gut gebauter Spannung.
In brillanter Besetzung, Gérard Lanvin als der Gejagte, Michel Piccoli als unheimlicher Showmaster und in weiteren Rollen Marie-France Pisier, Bruno Cremer und Andréa Ferréol, liefert Yves Boisset 1983 eine zweite Variante, mit wesentlich höherem Budget umgesetzte Kinoversion dieses unglaublichen Sheckley-Stoffes, der einen Helden aus dem Volk, gejagt von einem Team von Killern – ebenfalls aus dem Reservoir des arbeitslosen “Brot und Spiele”-Publikums ausgewählt – bei dem Lauf ums Leben oder viel Geld aufzeichnet.
Auch hier sehen wir in der Rolle des Showmasters eine zynische Figur, zielend auf die niedrigsten Instinkte des Fernsehpublikums, dem, gemeinsam mit seinem im Hintergrund kalt räsonierenden und finanziell kalkulierenden ProduzentInnen, jedes Mittel Recht ist um die Einschaltquoten dieser Fernsehshow hinaufzutreiben. In dieser Variante der Geschichte gibt es aber einige interessante Verschiebungen insofern, dass dieses minutiös kontrollierte Mediengebäude auch außer Kontrolle geraten kann. Eine auf wenige Stunden verdichtete Menschenjagd in einer brutalistischen jugoslawischen Architekturkulisse zeigt eine Show mit skrupellosen Charity- und Werbe-Inserts für ein internationales Fernsehpublikum mit allen Finessen einer hochprofessionalisierten Medienmaschine.
Manche von Ihnen haben vielleicht den Eröffnungsfilm der Filmreihe, Death Watch von Bertrand Tavernier, gesehen und mit diesem Bezug wünsche ich Ihnen gute Unterhaltung bei diesem Film, denn das ist es ja, worauf die Geschichte abzielt: die abgründigste Form einer dekadenten Medienwelt zu zeigen, wo das Publikum sich am möglichen Tod und Leiden des Protagonisten ergötzt. (Günther Selichar)
Die von Günther Selichar kuratierte Reihe Hot on Cool war von 6. bis 27. November 2025 im Filmmuseum zu sehen.