in memoriam VALIE EXPORT
Jul Marian
bei meiner aufnahmeprüfung für die universität für angewandte kunst bin ich gefragt worden, ob VALIE EXPORT in 50 jahren noch relevant sein wird. meine antwort ist damals gewesen: solange das patriarchat existiert, wird VALIE EXPORT nicht an relevanz verlieren.
heute würde ich anders antworten.
denn obwohl EXPORTs werk ein mittelfinger an die kunstwelt, an gesellschaftliche normen sowie an patriarchale strukturen ist, bleibt sie nicht beim widerstand stehen. ihr werk ist mehr als eine reaktion (reaktionskunst). es ist ein entwurf dafür, wie ein feministisches leben nach eigenen regeln aussehen kann (aktionskunst).
ich erinnere mich noch gut daran, als ich zum ersten mal einem print von Body Sign C gegenübergestanden bin und ihr tattoo einer strapsen-schnalle bewundert habe. als jugendliche*r habe ich vor allem gedacht: sie muss es den 60er/70ern ordentlich gezeigt haben. ich habe ihr werk als trotzreaktion gegen eine gesellschaft verstanden, die feminisierte körper kontrolliert. wenn ich das werk heute betrachte, sehe ich etwas anderes. ich sehe nicht nur eine provokation. ich sehe eine frau, die ihren körper als ihren sieht und sich mit ihrem körper selbst ein leben gestaltet hat. diese verschiebung mag klein wirken, aber sie hat meinen blick verändert, nicht nur auf kunst, sondern auch auf meinen eigenen körper. wenn ich heute an Body Sign Action denke, denke ich an meine mastektomie-narben. natürlich handelt das werk nicht von transness. und gerade darin liegt auch ihre stärke. EXPORTs kunst ist zwar körperspezifisch, spiegelt aber kämpfe für selbstbestimmung wider, die uns als feminist*innen vereinen.

auch meine eigene künstlerische arbeit ist von diesem denken geprägt. als ich tonspur entwickelt habe, ist der film zunächst aus einer wut entstanden. aus einer wut auf eine gesellschaft, die trans körper pathologisiert und zum spektakel macht. meine erste idee war es, mit meinem film ein derartiges unbehagen auszulösen, wie ich es permanent spüren haben musste. ich habe dann durch die zusammenarbeit mit manuel götzendörfer und miriam de goederen gemerkt, dass es mir eigentlich um etwas ganz anderes geht: den wunsch, auch ohne ständige erklärung akzeptiert zu werden. die arbeit ist genau das geworden, trans menschen, die nur das von ihrem körper und ihrer identität zeigen, was sie zeigen wollen. ich habe dabei nicht direkt mit EXPORT-referenzen gearbeitet, trotzdem wurde ich auf ihren einfluss angesprochen. ehrlich gesagt hat mich das nicht überrascht. denn ihr denken über körper, identität und materialität hat meinen blick auf kunst geprägt, lange bevor ich überhaupt darüber nachgedacht habe, diesen film zu drehen.
vielleicht liegt genau darin die antwort auf die frage nach den nächsten 50 jahren. die relevanz von VALIE EXPORT hängt nicht davon ab, dass wir ihre werke als artefakte einer vergangenen kunstbewegung sehen. sie bleibt relevant, weil ihre arbeiten uns werkzeuge hinterlassen haben, um uns selbst treu zu bleiben, aus dieser erklärungsnot auszubrechen und uns dabei selbst zu definieren. wenn ich heute gefragt werden würde, ob VALIE EXPORT in 50 jahren noch relevant sein wird, dann würde ich antworten: VALIE EXPORT bleibt relevant, solange menschen für ihre körperliche selbstbestimmung kämpfen, solange es körper gibt, die gelesen werden.
Am 24. Mai 2026 wäre VALIE EXPORT für ein Werkstattgespräch in unserer Filmpionierinnen-Reihe zu Gast im Filmmuseum gewesen, um über ihre beeindruckende Arbeitsbiografie zu sprechen. Die Künstlerin, die auch Ehrenmitglied unseres Hauses war, verstarb am 14. Mai 2026. Aus diesem traurigen Anlass erinnerten wir in Kooperation mit dem VALIE EXPORT Center Linz uns in einer In-memoriam-Veranstaltung an sie. Gemeinsam mit Autor*innen des Buches How To Do Things With VALIE EXPORT und entlang eines Filmprogramms – mit ganz Frühem, neu Restauriertem und noch nicht Gezeigtem – gedachten wir nicht nur einer der bedeutendsten audiovisuellen Künstler*innen des 20. und 21. Jahrhunderts, sondern auch einer Wegbereiterin und Wegbegleiterin, die die Geschichte des Filmmuseums von Beginn an mitgeschrieben hat. Ein Abend zu Worten, die gesagt wurden, Fragen, die hätten gestellt werden sollen, und Filmen, die Antworten geben.
Jul Marian ist ein trans*disziplinärer Künstler* und entwirrt die Verstrickungen von Körpern, Bio*politik, Queerness und Science and Technology Studies mithilfe von posthumanistischer Theorie und persönlichen Erfahrungen. Er arbeitet und lebt in Wien, wo er auf der Universität für angewandte Kunst Cross Disciplinary Strategies studiert. Neben dem Film Tonspur (2023), zeigte er beispielsweise am Ars Electronica Festival 2023 das Gruppenwerk care_full, eine Arbeit zu unterschiedlichen Formen von Care im Angesicht von neuen Reproduktionstechnologien.