Zur Präsenz

In memoriam VALIE EXPORT

David Wittinghofer

Ich habe VALIE EXPORT nie wirklich kennen gelernt, obwohl ich manchmal eigenartigerweise ein gegenteiliges Gefühl habe, wahrscheinlich weil ich mich so lange und intensiv mit einem konkreten Projekt von ihr beschäftigt habe. 2019 hat VALIE EXPORT mir dankenswerterweise erlaubt, ihre Fernsehserie Das bewaffnete Auge für eine künstlerische Videoarbeit neu zu schneiden und mit eigenen Aufnahmen zu kombinieren. 2020 und 2021 folgte eine theoretischere Auseinandersetzung, dank des VALIE EXPORT Centers auch unter Einbeziehung von Drehbuchentwürfen, Korrespondenzen und der Bibliothek der Künstlerin. In meinem Textbeitrag für How to Do Things with VALIE EXPORT beschreibe ich Das bewaffnete Auge als ein Fernsehformat, das zwischen Kunstvermittlung und Medienperformance changiert. Davon ausgehend möchte ich im Folgenden insbesondere über die Präsenz von VALIE EXPORT in Das bewaffnete Auge sprechen.

Die Fernsehserie Das bewaffnete Auge – VALIE EXPORT im Dialog mit der Filmavantgarde wird im November 1984 vom ORF ausgestrahlt und ist das Resultat einer Zusammenarbeit mit VALIE EXPORT. In drei knapp einstündigen Sendungen widmet sie sich den Themen Inszenierter Raum – Inszenierte Zeit, Reale Bewegung – Bewegliche Realität und Struktureller Film. Gezeigt werden Ausschnitte aus 47 Filmarbeiten von 38 Künstler:innen, von Fernand Léger über Maya Deren bis hin zu Marc Adrian und Yvonne Rainer. Was größtenteils im Underground der 1960er- und 1970er-Jahre entstand, hievt VALIE EXPORT 1984 ins Staatsfernsehen, wobei die Kluft zwischen den Zugängen experimenteller Filmkunst und den Erwartungen an massenmediales Fernsehen deutlich spürbar ist.  

Das bewaffnete Auge
Das Bewaffnete Auge – VALIE EXPORT im Dialog mit der Filmavantgarde, 1984
Drehbuch, Konzept, Präsentation: VALIE EXPORT; Regie, Gestaltung: Zoltan Pataky

Zwischen den Filmausschnitten tritt VALIE EXPORT als Moderatorin auf, versucht sich also nicht nur in einem “Dialog mit der Filmavantgarde”, wie es im Untertitel der Serie heißt, sondern simuliert darüber hinaus auch einen Dialog mit den Zuseher:innen, die sie auf fernsehtypische Weise direkt adressiert. Ihr Versuch, sowohl historische als auch neue Strömungen der internationalen Filmavantgarde einem breiteren Fernsehpublikum zu vermitteln, darf als ambitioniertes und pionierhaftes Vorhaben angesehen werden.

Um Zugänglichkeit bemüht ergänzt VALIE EXPORT die Filmbeispiele um erklärende Moderationen, wobei die entsprechenden Studioaufnahmen ebenfalls stark inszeniert und mehrdeutig angelegt sind. VALIE EXPORT kommentiert und kontextualisiert die vorgestellten Filme nicht nur, sondern zitiert und interpretiert sie auch auf formaler Ebene. Sie eignet sich Elemente aus fremden Werken an, um diese erneut aufzugreifen oder vorwegzunehmen, etwa in Form von Bildkompositionen, Handlungen oder Requisiten. Die Studioaufnahmen trennen die Filmausschnitte nicht nur voneinander, sondern verbinden sie auch.

Neben künstlerischen Werken werden auch filmspezifische Techniken wie Schnitt und Zoom theoretisch erklärt und gleichzeitig praktisch vorgeführt. Auch dabei stellt VALIE EXPORT ein altbekanntes Vermittlungskonzept auf den Kopf: Anstatt auf der Tonebene sprachlich zu kommentieren, was visuell gezeigt wird, kommentiert sie auf der Bildebene performativ, was es inhaltlich zu vermitteln gilt. Gesprochenes und Gezeigtes gehen stets Hand in Hand, bilden eine mitunter hermetische Struktur.

Wiederholt stellt sich VALIE EXPORT als eine Art von menschlicher Projektionsfläche zur Verfügung, anhand derer die Konstruiertheit und Künstlichkeit der gezeigten Bilder deutlich sichtbar wird. Die Medialität ihres Vortrages betont sie durch einen exzessiven Einsatz von technischen Effekten und formalen Stilmitteln, etwa dem wiederkehrenden Vervielfachen und Zerteilen ihrer selbst. Dass “ästhetische und technische Innovationen einander bedingen”, wird nicht nur angemerkt, sondern auch anschaulich.

Das bewaffnete Auge
Das Bewaffnete Auge – VALIE EXPORT im Dialog mit der Filmavantgarde, 1984
Drehbuch, Konzept, Präsentation: VALIE EXPORT; Regie, Gestaltung: Zoltan Pataky

Das bewaffnete Auge stellt künstlerische Arbeiten vor, die unser Verständnis von Film herausfordern. In der Beschreibung von Adjungierte Dislokationen (1973) setzt VALIE EXPORT nach ihren ersten beiden Worten – “Dieser Film […]” – eine dramaturgische Sprechpause, in der eine Fotografie zu sehen ist, die VALIE EXPORT mit an Brust und Rücken montierten Filmkameras zeigt. Anschließend zu sehen sind synchronisierte Aufnahmen dieser Kameras, ergänzt um eine dritte Aufnahme aus beobachtender Außenperspektive. Der angekündigte „Film“ ist also weit mehr als das, er ist performative Aktion und filmische Dokumentation in Einem, Körpererweiterung und Expanded Cinema zugleich. Was VALIE EXPORT über Adjungierte Dislokationen sagt, trifft erneut auch auf die Fernsehserie selbst zu: “Es wird in diesem Film nicht nur etwas aufgezeigt, es wird auch das Zeigen selbst aufgezeigt. Es wird nicht nur etwas dargestellt, es wird auch Darstellung dargestellt.”

Weil VALIE EXPORT auch drei eigene Filme präsentiert, kann ihre kuratorische Werkauswahl auch als künstlerische Wahlverwandtschaft oder filmgeschichtliche Selbstverortung verstanden werden. Das bewaffnete Auge nutzt sie ausgiebig und detailreich als Bühne für ihr eigenes künstlerisches Schaffen, integriert etwa auch eigene Fotoarbeiten in die Szenografie des Fernsehstudios. Tatsächlich bestimmt sie die Sendereihe inhaltlich und formal so entscheidend mit, dass es ihr gelingt, selbst dann präsent zu sein, wenn sie nicht sichtbar ist. Umso ironischer wirkt es deshalb, wenn sie sich erst zur Hälfte der Serie mit den Worten “Vielleicht ganz kurz über meine Person […]” selbst vorstellt. Ausgerechnet in diesem Moment aber kehrt sie dem Publikum ihren Rücken zu und blickt auf eine Projektionswand im Bildhintergrund, wo weitere Abbildungen ihrer Werke eingeblendet sind.

Wie so oft spielt VALIE EXPORT mit selbstreferenziellen Bezügen und fragmentarischen Konstellationen. Ihre Arbeiten bezeichnet sie treffend als “mediale Anagramme” und von diesem Werkverständnis ist auch Das bewaffnete Auge stark geprägt. Möglicherweise kann die Fernsehserie deshalb nicht nur als dichtes Referenzgeflecht, sondern auch als autonomes Kunstwerk verstanden werden.

Fraglich bleibt, wie viele Menschen die experimentelle Randerscheinung 1984 tatsächlich im Fernsehen mitverfolgt haben. Im Ausschnitt aus Menschenfrauen (1979) von VALIE EXPORT äußert die Protagonistin eine nachdenkliche Bemerkung, aus der ich unweigerlich auch die Künstlerin und Initiatorin der Sendereihe sprechen höre: “Ich habe das Empfinden, niemanden erreichen zu können.” Trotz eventueller Zweifel beeindruckt aber die stets spürbare Überzeugung von der Relevanz und Dringlichkeit ihrer Anliegen. Wenn auch mit mehr als 30 Jahren Zeitverzögerung – VALIE EXPORT hat mich erreicht.


Am 24. Mai 2026 wäre VALIE EXPORT für ein Werkstattgespräch in unserer Filmpionierinnen-Reihe zu Gast im Filmmuseum gewesen, um über ihre beeindruckende Arbeitsbiografie zu sprechen. Die Künstlerin, die auch Ehrenmitglied unseres Hauses war, verstarb am 14. Mai 2026. Aus diesem traurigen Anlass erinnerten wir in Kooperation mit dem VALIE EXPORT Center Linz uns in einer In-memoriam-Veranstaltung an sie. Gemeinsam mit Autor*innen des Buches How To Do Things With VALIE EXPORT und entlang eines Filmprogramms – mit ganz Frühem, neu Restauriertem und noch nicht Gezeigtem – gedachten wir nicht nur einer der bedeutendsten audiovisuellen Künstler*innen des 20. und 21. Jahrhunderts, sondern auch einer Wegbereiterin und Wegbegleiterin, die die Geschichte des Filmmuseums von Beginn an mitgeschrieben hat. Ein Abend zu Worten, die gesagt wurden, Fragen, die hätten gestellt werden sollen, und Filmen, die Antworten geben.

David Wittinghofer studierte Bildende Kunst sowie Angewandte Kultur- und Kunstwissenschaften an der Kunstuniversität Linz. In Form einer Videoarbeit und im Zuge seiner Diplomarbeit beschäftigte er sich intensiv mit der Fernsehserie Das bewaffnete Auge. VALIE EXPORT im Dialog mit der Filmavantgarde.