Aus der Zeit heraus

In memoriam VALIE EXPORT

Ulrike Hanstein

“Was geschieht, bevor ein Film beginnt oder nachdem er endet […]? Was geschieht nicht nur mit Figuren, Gesichtern und Landschaften, sondern auch mit Farben und Linien? Wohin verschwinden sie? Existieren sie anderswo weiter, in einem Zustand der Ruhe oder der pulsierenden Aktivität […]? Wie verändern sich [Filme] im Laufe der Zeit – durch die Zeit – unter dem Einfluss verschiedener Blicke und Betrachtungskontexte?”[1]

Mit diesen Fragen beginnt ein Buch der Filmwissenschaftlerin Domietta Torlasco. Torlasco schreibt über widerständige Bildarchive. Und sie erkundet kinematografische Formen des Erinnerns. Wo also sind die Bilder, wenn wir uns nicht im Kino mit ihnen gemeinsam durch die Zeit bewegen? Wie lässt sich das Verhältnis des Films zur Zeit und zu Körpern verstehen? Was für Verbindungen sind möglich zwischen den Körpern, die bei der Aufnahme vor und hinter einer Kamera zusammenkommen und den Körpern, die sich später an anderen Orten versammeln, um Filme zu betrachten?

Der nächste Film in diesem Programm ist VALIE EXPORTs Selbstportrait mit Kopf. Der Film entstand in den Jahren 1966 und 1967. Selbstportrait mit Kopf ist vier Minuten lang und besteht aus zwei langen Einstellungen. Gefilmt wurde mit einer 8mm Kamera ohne Ton.

Selbstportrait mit Kopf (1966-67, VALIE EXPORT)
Foto: sixpackfilm

In einem Interview hat VALIE EXPORT berichtet, dass sie diese Normal 8 Kamera, ihre erste Filmkamera, von ihrer ältesten Schwester geschenkt bekommen habe. Selbstportrait mit Kopf lässt sich als avantgardistisches Home Movie auffassen. Durch das Schmalfilmformat, die vertraute Nähe der Aufnahmen und die Schwester, die die Kamera bedient, erscheint der Film als eine Produktion von Bildern, die die Verbundenheit der Beteiligten bestätigen.

In Selbstportrait mit Kopf erscheinen die langen Einstellungen wie Fenster – wie Öffnungen, die einen Einblick in einen unbestimmten dunklen Innenraum freigeben. Sehr nah vor der Kamera tritt uns das hell erleuchtete Gesicht von VALIE EXPORT gegenüber. Ihre Selbstpräsentation vor der Kamera wird eigentümlich verdoppelt durch eine kleine Statue. Zugleich sehen wir das lebendig bewegte Selbstbildnis der Künstlerin und einen reglosen steinernen Frauenkopf. Beide Gesichter reflektieren das Licht. In ihrem ungleichen Nebeneinander werden sie zu strahlenden Projektionsflächen für unsere Erwartungen.

Die zweite Einstellung des Films zeigt VALIE EXPORT en face neben einer Leuchte. Langsam öffnet sie die Augen. Schließlich starrt sie mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera – reglos, erschreckt und erschreckend.

Selbstportrait mit Kopf (1966-67, VALIE EXPORT)
Foto: sixpackfilm
Selbstportrait mit Kopf (1966-67, VALIE EXPORT)
Foto: sixpackfilm

Selbstportrait mit Kopf ist eine kleine Form. Es ist ein Film, der ohne Story auskommt. Ein Film, der mit dem, was zur Hand ist, mögliche Selbstinszenierungen für die Kamera erprobt. Die beiden Einstellungen des Films halten wie Notizen visuelle Ideen fest. In den Aufnahmen kommen die vor der Kamera ausgeführten Bewegungen nicht zu einem Ende. Die Bilder zeichnen Bewegungen auf und halten sie zugleich unabgeschlossen – in der Schwebe. Was wir zu sehen bekommen, sind kleine Regungen und wandelbare Zustände. Licht und Schatten, Lebendigkeit und Stillstand, Konfrontation und Versunkenheit. Dieses filmische Portrait der Künstlerin als junge Frau verdichtet in zwei Einstellungen die Liebe zu Bildnissen und die Macht von Blicken. Es gibt das steinerne Bildnis und die Bilder einer Versteinerung. Diese Momente werden aus der Zeit herausgehoben und gegen die vergehende Zeit bewahrt durch das mineralische lichtempfindliche Material des Films.

Durch die Zeitlupe entfalten die Bilder eine verzögerte Choreografie von leidenschaftlichen Berührungen und insistierenden Blicken. Die Blicke treffen uns als Zuschauende – als gäbe es ein Zurückblicken des Films, das kein zartes Augenaufschlagen ist, sondern eine intensive Erschütterung. Und dann gibt es noch ein Detail, das sich über das Ende des Films hinaus festsetzt. Ein Detail, das nicht verschwindet, sondern in Erinnerung bleibt – und das ist die einnehmende Extravaganz einer wollüstigen Lockenperücke.

[1] Domietta Torlasco: The Heretical Archive: Digital Memory at the End of Film. Minneapolis/London: University of Minnesota Press, 2013, S. ix: “What happens before a film starts, or after it ends, or between scenes? What happens not only to characters, faces, and landscapes but also to colors and lines? Where do they go? Do they continue to exist somewhere else, in a state of repose or pulsating activity […]? How do they change in time, through time, under the influence of different looks and viewing contexts?”


Am 24. Mai 2026 wäre VALIE EXPORT für ein Werkstattgespräch in unserer Filmpionierinnen-Reihe zu Gast im Filmmuseum gewesen, um über ihre beeindruckende Arbeitsbiografie zu sprechen. Die Künstlerin, die auch Ehrenmitglied unseres Hauses war, verstarb am 14. Mai 2026. Aus diesem traurigen Anlass erinnerten wir
in Kooperation mit dem VALIE EXPORT Center Linz uns in einer In-memoriam-Veranstaltung an sie. Gemeinsam mit Autor*innen des Buches How To Do Things With VALIE EXPORT und entlang eines Filmprogramms – mit ganz Frühem, neu Restauriertem und noch nicht Gezeigtem – gedachten wir nicht nur einer der bedeutendsten audiovisuellen Künstler*innen des 20. und 21. Jahrhunderts, sondern auch einer Wegbereiterin und Wegbegleiterin, die die Geschichte des Filmmuseums von Beginn an mitgeschrieben hat. Ein Abend zu Worten, die gesagt wurden, Fragen, die hätten gestellt werden sollen, und Filmen, die Antworten geben.

Ulrike Hanstein leitet das VALIE EXPORT Center Linz _ Forschungszentrum für Medien- und Performancekunst und ist Professorin für Kunst- und Medienwissenschaft an der Kunstuniversität Linz. Sie hat an Universitäten, Kunsthochschulen und Filmhochschulen gelehrt: in Weimar, Jena, Wien, Leipzig und Köln. Als Postdoktorandin war sie Gastwissenschaftlerin am Getty Research Institute in Los Angeles. Ihre Forschungsinteressen sind Performance Art und Live Art, experimentelle Film- und Videopraktiken, feministische Kunst sowie Materialien, Modelle und Methoden der Mediengeschichtsschreibung.